Dr. Wolfgang Schmidtberg Healthcare Cambodia, HCC PhnomPenh
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Asia Smile - ein Projektbericht -2003

(siehe auch den Bericht aus 2001,
Jahresbericht 2003)

Es ist gegen zwölf Uhr nachts und der Schlaf hat noch nicht Überhand gewinnen können über die Fassungslosigkeit. Ausgebreitet auf dem Küchentisch, vor den Augen unserer deutschen Durchschnittsfamilie liegen sie, die Bonusheftchen. Welchen Fleiß, welche Überwindung hatte es gekostet, die nett anzuschauende Reihe von Praxisstempeln zu sammeln, und nun alles umsonst? Nächstes Jahr werden sie wohl keinen Wert mehr haben und nur noch ihren wohlverdienten Platz neben den Shell Fußballmarken, den Klebesammelalben und den Zehnmark Münzen der Olympiade finden. Wo soll unsere Zahnversorgung bloß hingehen?

....   .....  zur gleichen Zeit, sechs Zeitzonen und etliche Kilometer entfernt, heißt es, sich anzuschnallen und jeglichen Halt in dem Toyota-Geländewagen zu nutzen. Vollbeladen mit medizinischer Ausrüstung, Instrumenten und Medikamenten geht es nun, hoffnungslos im Schlamm steckend, nur noch am Seil und mit vereinten Kräften weiter. Die Asphaltstrasse haben wir schon vor einer guten Stunde verlassen und so haben uns auch die ganzen gutgemeinten Versprechungen über den Zustand der Erdstrasse zwischen Memut und Sen Monorom, der einzigen Verbindungsstrasse in die Provinz Mondulkiri, im östlichen Teil des Königsreichs Kambodscha, wenig geholfen.

Wir sind unterwegs mit dem Projekt "Asia Smile" der deutschen Hilfsorganisation "Gesundheitsfürsorge für Kambodscha e.V.". Wir, das sind an diesem Wochenende Zahnärztin Monika, Zahnarzt Oum Teng, Zahnarzt Hing Thout und der Autor dieses Berichts Wolfgang. Unser Ziel sind die entlegenen Dörfer im Osten Kambodschas, einem Land, welches noch immer schwer an der Last von zwanzig Jahren Krieg zu tragen hat.

Seit zwei Jahren führt "Asia Smile" diese Fahrten nun durch, in regelmäßigen Abständen werden Hospitäler, Gesundheitszentren und Dörfer in zwei Provinzen des Landes angefahren und dort zahnärztlich und allgemeinärztlich geholfen, wo geholfen werden muss und kann. Unterwegs in zwei Toyota-Geländewagen mit kompletter, mobiler zahnärztlicher Behandlungseinheit, finanziert durch das Hilfswerk Deutscher Zahnärzte in Göttingen, versuchen wir dort, wo kein staatliches Gesundheitssystem greift, der verarmten Landbevölkerung eine zahnärztliche Versorgung zu bieten, die Schmerzen beseitigt und verhindert. Gleichzeitig investieren wir durch Spenden von Zahnbürsten und Zahnpasta und Unterricht für die Kleinen viel in Prophylaxe, damit "Asia Smile" auch später hält, was sein Name verspricht.

Neben der zahnärztlichen Nothilfe und Grundversorgung, die nwir unseren Patienten zukommen lassen, sammelt "Asia Smile" auch wichtige Zahlen und Daten, die den Behörden in Phnom Penh helfen, in Zukunft ein Minimalsystem an öffentlichem Gesundheitsdienst im Bereich Zahnmedizin zu entwickeln. Nach drei Jahren Projektlaufzeit werden die beiden Provinzen, die "Asia Smile" bis dahin betreut hat, an die hiesigen Gesundheitsorgane übergeben, welche dann unsere Arbeit fortführen. "Asia Smile" wiederum startet seine Projektarbeit in den nächsten zwei Provinzen Kambodschas. Diese Partnerschaft soll in Zukunft zu einem landesweiten zahnärztlichem Programm führen.

Grundlage für dieses Projekt ist die Kooperation zwischen "Gesundheitsfürsorge für Kambodscha e.V." und Hilfswerk Deutscher Zahnärzte in Göttingen, welches durch seine materielle Unterstützung in Form von Fahrzeugen und zahnärztlicher Ausstattung die Projektdurchführung erst möglich machte. Der persönliche Einsatz der Zahnärzte von "Asia Smile" hier vor Ort runden es ab zu einer willkommenen Hilfeleistung und einer guten Sache.

Ein mächtiger Lärm lässt uns für einen Augenblick die Strasse, wenn man sie so halt nennen will, vergessen und wir werden langsamer, halten an. Eine von unseren Kisten hat sich aus der Verankerung gerissen und in Richtung Tür bewegt. Irgendwie freut sich jeder über die Zwangspause und nachdem der Schaden behoben ist, wird eine kurze Rast eingelegt. Mein Blick schweift ein wenig durch die Umgebung, die durch dichten Wald und Dschungelgesang geprägt ist. So oft schon habe ich diese Ruhe genossen und doch ist es immer wieder wie ein besonderes Erlebnis. Weit entfernt von der Hauptstadt Phnom Penh, die so viel von dem Aufschwung in den letzten Jahren aufgesogen hat, scheint hier die Zeit stehen geblieben zu sein. Im Guten wie im Schlechten. Und so geht es weiter, sicher warten schon einige faule Zähne auf unsere Ankunft.

Die Strasse gibt ihr Bestes und wir auch, am Ende erreichen wir Sen Monorom nach 15 Stunden Fahrt und jedem von uns ist anzusehen, dass es lang war. Die Begrüßung im Pichkiri Guest House ist überwältigend wie immer, und das Abendessen steht schnell auf dem Tisch. Kurz wird noch der Plan für Morgen besprochen und dann sucht man schnell eine Schlafstelle auf.

Am nächsten Morgen geht dann unsere Routine los, zuerst wird in dem Tempelbereich unser Zelt aufgebaut für die Prophylaxe. Für den nächsten Tag wird dann unsere Behandlung im nahe gelegenen Frauenzentrum, ebenfalls vom Hilfswerk der Deutschen Zahnärzte vor Jahren finanziert, geplant. Nach ca. 1 Stunde ist alles da, was Beine hat - Einführung in die Zahnheilkunde mit Megaphon, warum nicht?

Anschließend werden die Patienten untersucht und nach notwendiger Behandlung für den nächsten Tag eingeteilt. Unsere zahnpasten und Bürsten finden wieder reißenden Absatz und so schließen wir den ersten Tag.

Am nächsten Tag sieht alles ganz anders aus als geplant: Ein Dauerregen hat über Nacht eingesetzt und gegen diese Natur ist man machtlos, jeder bleibt in seinem Dorf, die Strassen sind überschwemmt und sollen es auch bleiben für die nächsten zwei Tage. Wir nutzen die Zeit ein wenig und machen Fortbildung in eigener Sache. Meine drei Kolleginnen und Kollegen, ehemalige Studenten von mir in der Zahnmedizinischen Fakultät Phnom Penh, haben viel zu berichten aus dem Praxisalltag und einige Fragen.
Sie alle opfern ihre freie Zeit und helfen "Asia Smile", ich finde das toll! Angefangen hat alles mit einer Idee, als ich vor Jahren, noch als Dozent an der Fakultät von Phnom Penh unterrichtend, auf einer Studienfahrt nach Mondulkiri kam und das, auch zahnärztliche Elend, sah. Viele weitere Fahrten ließen diese Idee zu einem konkreten plan wachsen und mit der helfenden Hand des Hilfswerks der Deutschen Zahnärzte wurde schließlich daraus ein Hilfsprojekt.
Und so ging es bis heute, zusammen mit meinen kambodschanischen Freunden, und brachte Linderung für manchen schlimmen Zahn.

Der 5. Tag unserer Fahrt bricht an, und eigentlich sollten wir schon zurück in Phnom Penh sein. Aber ein Tag Behandlung muss noch sein und als der Himmel etwas auflockert, erwacht das Frauenzentrum zu neuem Leben, und es wird gebohrt und gefüllt, gezogen und geheilt, den ganzen lieben langen Tag.
Am Ende sind wir zufrieden und die Patienten auch und es heißt: "Bis zum nächsten Mal".

Gut verstaut schläft die Klinik im Auto und wir unsere letzte Nacht in Mondulkiri, per Telefon, welches es nun seit einigen Wochen hier gibt, melde ich uns in Phnom Penh an für den kommenden Tag.
Der kommende Tag war dann aber nicht ohne. In Stichworten ließt sich das so:

nach einer Stunde: Regen, scheint anhalten zu wollen
nach 5 Stunden: Regen hält tatsächlich an, Auto auch regelmäßig, Schlamm
nach 7 Stunden: Erste Vorschläge, man könnte auch im Wald übernachten, um 2 Uhr nachmittags!
nach 10 Stunden: Wir haben Memut erreicht und sind das einzige Auto weit und breit, kein gutes Zeichen. Noch 200 Km "to go".
nach 20 Stunden: Kampong Cham wartet auf der anderen Mekong Seite und wir danken den Japanern für die neue Brücke.
nach 23 Stunden und einigen unwichtigen Minuten: Phnom Penh hat uns wieder und sah nie so gut aus wie heute. Es ist nun 6 Uhr morgens, und es hat sich mal wieder gelohnt!

Irgendwo in der Welt am Küchentisch ist es nun wieder 12 Uhr nachts und man stellt sich die gleiche Frage.

Zum Autor:
Dr.med.dent. Wolfgang Schmidtberg hat Kambodscha 1992 das erste Mal kennen gelernt als Mitglied des "Deutschen Hospitals Phnom Penh" im Rahmen der Untac Mission 92/93.
Seit 1995 lebt er in Phnom Penh, unterrichtete bis 2001 an der dortigen Fakultät für Zahnmedizin. Zur Zeit arbeitet er als Berater im Gesundheitsministerium Phnom Penh
 
     
Siehe auch Jahresbericht 2003  
siehe auch den Bericht aus 2001