Albanien - Hausbauprogramm Fushe-Arrez

Ein Inspektionsbericht von Dr. Wiprecht von Treskow, Mitglied des Kuratoriums HDZ und Generalkonsul a.D., Bonn:

FÜNFZEHN DÄCHER FÜR 15 x 8 GESCHWISTER

Im kommunistischen Polen, so geht die Saga, fragte 1951 ein alter Bergarbeiter auf einer Sitzung des lokalen Parteiaktivs: "Genosse Erster Sekretär! Erklärt uns doch mal das mit dem Marxismus - Leninismus: Ist das eigentlich von Wissenschaftlern oder von Arbeitern und Bauern ausgedacht worden?" Der Erste Sekretär, innerlich
Seite 3 der Parteidirektiven des Genossen Stalin, des Lichts der Völker und hellsichtigen Führers aller Bergarbeiter, aufblätternd ratterte herunter: "Der Marxismus - Leninismus wurde zum Wohle der arbeitenden Klassen von ihnen auf der Grundlage ihrer eigenen Erkenntnisse, Forschungen und nach den ehrlichen Grundsätzen der Arbeiter - und Bauernklasse erarbeitet und folgerichtig umgesetzt!" Der alte Kumpel nickte: "Dacht´ ich mir's doch so. Ein Wissenschaftler hätte das erstmal an weißen Mäusen ausprobiert."

Albaniens paranoider Diktator Enver Hoxha hat seinen Kommunismus über vierzig Jahre lang an seinen drei Millionen wehrlosen Skipetaren ausprobiert. Dabei überzog er das gesamte Land mit Polizeiterror nach innen und im Kampf nach außen mit pilzartigen Kleinstbunkern. Deren Zahl wird mal mit 130.000, dann mit einer halben Million oder sogar mit 800.000 angegeben - mithin weiß es niemand ganz genau nicht. Hoxha war, nach eigener Meinung, einer der allerletzten Fackelträger der reinen Lehre, somit über Kreuz mit nahezu der gesamten kommunistischen Bruderschaft. Zurück ließ er ein geistig wie materiell ruiniertes Land. Im Vergleich zu ihm war Honeckers DDR ein Club Med! Der "Kapitalistischen Dekadenz" bleibt es nunmehr überlassen, das kleine Balkanland aus der industriellen Steinzeit, seine Menschen aus unbeschreiblicher Armut zu führen und die gesamte Infrastruktur neu zu erfinden, denn im heftigen Umbruch 1990 ff. wurde beispielsweise die komplette Eisenbahnlinie in den Bergen Nordalbaniens gestohlen. Die Erzminen blieben ohne Anschluss an die Ebene und verrotteten folglich.

Dort oben, 130 km nördlich von Tirana, auf 600 Metern, in einer kleinen Stadt aus Plattenbauten, Schrott und Miseria arbeiten seit etwa zehn Jahren zwei Mindelheimer Franziskanerinnen, Schwester Gratias und Schwester Bernadette, mit einem Berge versetzendem Einsatz. Der gab dem von der Mitwelt zuvor vergessenen Fushe-Arrez - zu deutsch: Wallnusstal - Glauben und Hoffnung zurück. Dabei halfen ihnen, außer ihren Freunden in Deutschland, die Diözese Orvieto - Todi, die die Missionsstation mit den beiden Ordensschwestern gründete, und die Diözese Meran - Bozen. So entstanden nach dem schmucken Missionshaus mit Kapelle, Versammlungsräumen und Ambulanz ein großer Kindergartenneubau und eine Kirche, deren schlichte Würde ein jedes deutsche Dorf zieren würde. Regelmäßig werden an die ärmsten der vielen Armen Lebensmittel, Kleidung, Kinderbetten und von Sr. Bernadette, einer gelernten OP-Schwester, Medikamente ausgegeben. (Der Berichterstatter, schon auf drei Kontinenten ein leidenschaftlich wühlender Kleingärtner, tauchte mit Frau Monika bis zu beiden Oberarmen freudig in den hübschen Gemüsegarten ein, um dort den Kampf gegen Unkraut und taumelnde Tomaten aufzunehmen. Dass es dort auch Giftschlangen gab, sagte man uns erst hinterher)

Über 90 % der Albaner im Norden des ansonsten überwiegend muslimischen Landes
sind Katholiken. In den fast 40 Jahren striktesten Religionsverbotes hat nur eine ganz geringe Zahl von Geistlichen die harten Arbeitslager überlebt und zu ihrer terrorisierten Herde zurückgefunden. 70 % der 4000 Bewohner in Fushe-Arrez sind arbeitslos und in allen Schattierungen arm, sehr arm und unsäglich arm. Beschäftigung haben ein paar Kleinhändler, Gastwirte, hohlwangige Staatsangestellte, obszön wohlgenährte Polizisten und in der Umgebung tausende kleine Krauter einer erbärmlichen Subsistenzlandwirtschaft. Als daher die Deutsche Botschaft in Tirana das HDZ im Jahre 2003 auf die beiden Ordensschwestern und die sie umgebende Not hinwies, entschloss sich das Kuratorium, die Arbeit der Ordensschwestern zu unterstützen. Mit ihrer Hilfe entstehen jetzt fünfzehn kleine Häuser in der weiteren Umgebung der Stadt: Steinmauern, Zementboden, ein festes Dach. Der Bau zu 3.000 €.

Sr. Gratias begleitete uns am 28. Juli die vierzig Kilometer hinauf in einige der "Dörfer" genannten Streusiedlungen. Gewundene, schmale Straßen, wie sie etwa um 1920 über den Jauchenpass führten: Wassergebunden, zu den gähnenden Schluchten hin keine Seitensicherungen, jetzt im Regen seifenglatt. Am Straßenrand, wie längs der gesamten Strecke seit Tirana, in dichten Abständen kleine bebilderte Steine mit Eisenumrandung und Blumen - zum Gedenken an einstige Weggenossen, die es nicht mehr geschafft hatten. In den größeren Weilern erhielten Benzinzapfsäulen aus Deutschland ("bleifrei" und mit D-Mark-Anzeige) ein zweites Leben. Zu manchen unserer Baustellen führen keine Straßen mehr, nur kilometerlange Trampelpfade, die im Winter, bei manchmal minus 30 Grad, zuschneien. In regendurchnässten Holzverschlägen fanden wir dort Familien mit sechs, acht , zehn Kindern. Unter ihnen auch Blutrachewaisen, da diese Balkanplage noch fortlebt und oft nach ein, zwei Generationen nach einem Sohn der "schuldigen" Familie greift. Unter den vielen Kindern kein einziges Kindergesicht, sondern die Köpfe kleiner Greisinnen und Greise auf unterernährten Körperchen. Enver Hoxhas KZ - Kinder, doch mit einem zutraulichen, hoffenden Lächeln. Und diese kleinen Lemuren, so erzählten uns die Schwestern, seien in den 90er Jahren mit umgehängten Kalaschnikows zum Religionsunterricht oder in der Ambulanz erschienen. Dort und in den Marienandachten kehrte inzwischen Gesittung ein. Die Waffen wurden in den nahen Kosovo verkauft.

Das mit HDZ-Mitteln gekaufte Baumaterial - Sand, Hohlblocksteine, Zement, Holz - wird jetzt mit den eigenen Lastwagen hinauf in die Berge gekarrt und dort vom jeweiligen Bauherrn die schmalen Pfade hin zu den Baustellen geschleppt - oftmals über Kilometer! Gebaut werden muss von den Albanern selber, denn auch das HDZ will möglichst nur Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Oder wie es in der Missionschronik zu lesen steht: " Gib den Armen nicht den Fisch, sondern die Angel und lehre sie fischen."

Die Partner- und Projektwahl, so im Résumée, erwies sich als optimal. Darum allen HDZ-Sponsoren, den engagierten Kollegen der Deutschen Botschaft in Tirana, am meisten aber den tapferen Ordensschwestern Sr. Gratias und Sr. Bernadette und ihren 25 tüchtigen skipetarischen Helfern in Walnusstal sei D a n k !

Autor und Bildberichterstatter: Dr. Wiprecht von Treskow, Mitglied des Kuratoriums HDZ und Generalkonsul a.D., Bonn
 

albanische Familie

 
 

Neubau des Kindergartens

"Zahnlabor" im Krankenhaus
 von Fushe-Arrez

 
 

"Zahnlabor" im Krankenhaus
 von Fushe-Arrez

Eines unserer neu
erbauten Häuser

 
 

Eines unserer neu
erbauten Häuser

Eines unserer neu
erbauten Häuser

 
 

Schwester Gratias und der Autor

Dr. von Treskow

Schwestern Gratias und

Bernadette im Rosenhaag

 

 
 

Schwester Bernadette
und ein LKW-Fahrer

 
 

"Innenleben"

 
 

Treppenfundament

Die stolze Familie
vor ihrem neuen Haus